Kleinzechen an der Ruhr 1945-75

Zeche Eimerweise fördert Bergbaugeschichte

In Witten wird eine neue Kleinzeche errichtet

"Mit gärtenbunten, von Hahnenschrei durchzakten Landstädtchen, schwarz-weißen Dörfern, wiesengrünen Hängen und prächtigen Waldungen, die dunkelbuckelig zum Bergischen Land hinüberwallen, ist das Ruhrtal südlich von Bochum, zwischen Hagen und Kettwig, ein reizvolles Ausflugsgebiet der Menschen aus den großen Revierstädten. Auf seinen freien Feldern, in abgelegenen Waldschluchten, vor der rötlich schimmernden Kulisse eines Steinbruchs konnte der Wanderer dort in den vergangenen Jahren aber auch immer wieder garstige Flecken in den schönen Bildern entdecken: kleine Schutthalden, Bergemassen, verfallene Baracken, Reste von Förderbauten [..] Die Welt der verlassenen Kleinzechen."

Zeche St.Barbara in Stiepel
Eine typische Kleinzeche im Ruhrtal des Bochumer Gebiets: "St. Barbara" in Stiepel, oberhalb der Kemnader Brücke. Sie förderte um 1955 mit einer Gesamtbelegschaft von 60 Beschäftigten rund 100 t Kohle täglich.
aus: Westfalenspiegel 5/1955 S. 48


Mit starken stimmungsvollen Worten beginnt 1955 im Maiheft des Westfalenspiegels der Artikel "Zwergenpütts an der Ruhr". Der spätere Kulturredakteur beim Westdeutschen Rundfunk, Kurt Dörnemann, schildert, wie um 1949 das Kohlenfieber Unternehmergeist wie Spekulantentum weckte und zur Errichtung von 450 Kleinstzechen führte. 1954 werden ca. 1 Million Tonnen Kohlen gefördert und auf den Kleinzechen werden fast 3900 Bergleute und rund 350 Angestellte gezählt.

Heute wissen wir: Dörnemann berichtet vom Höhepunkt des Kleinzechenphänomens. Seit Ende der 1990er Jahre wird das Thema "Kleinzechen im südlichen Ruhrgebiet 1945-1975" im Westfälischen Industriemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe wissenschaftlich bearbeitet.

Über 1000 Kleinzechen haben die Historiker Matthias Dudde und Stefan Nies für diese 30 Jahre nachgewiesen. Regionale Schwerpunkte waren die Bochumer Vororte Querenburg, Stiepel und Weitmarer Holz, das Gebiet zwischen Dortmund-Kruckel und Witten-Annen und das Stadtgebiet Herbede, heute ein Ortsteil der Stadt Witten. Keine 15 Jahre nach dem Artikel im Westfalenspiegel gibt es nur noch drei Kleinzechen: Glücksstern, Egbert und Ringeltaube. Zum Jahresende 1975 schließt die Letzte: Die Kleinzeche Egbert in Witten-Kämpen steht heute unter Denkmalschutz.

Eröffnung Museum Zeche Nachtigall
10. Mai 2003
Eröffnung des Museums Zeche Nachtigall

Frau Hopp wird interviewt


Vom Unternehmergeist der 1950er Jahre wird die künftige Ausstellung im Westfälischen Industriemuseum Zeche Nachtigall in Witten erzählen. Im Mittelpunkt steht die nachgebaute Kleinzeche Ingeborg II des Dortmunder Unternehmers Karl Hopp. Hopp (1924-2001) ist gelernter Autoschlosser und arbeitet Ende der 1940er auf der Zeche Prosper in Bottrop. Nach einem Unfall wechselt er als Lkw-Fahrer zu einem Bottroper Unternehmer. Dieser betreibt in Witten eine Kleinzeche und Karl Hopp fährt täglich die Bergleute von Bottrop zum Minipütt. 1953 wagt er den Schritt in die Selbständigkeit: Er kauft sich einen Lkw, einen gebrauchten Mercedes-Benz L 3500, und eröffnet seine erste Kleinzeche. Bis 1958 betreibt er insgesamt fünf Zechen, die er nach seiner Frau Ingeborg oder nach seinem Sohn Karl-Friedrich benennt. Die Zechen laufen gut. Die Hopps ziehen nach Dortmund und Frau Ingeborg investiert den Gewinn aus dem Kohlenverkauf in einen Friseursalon. Nach seiner Zeit als Zechenbesitzer versucht Karl Hopp mit einer Ziegelei in Dortmund ein dauerhaftes Einkommen zu erzielen. Schließlich setzt sich Hopp als Spediteur durch. Er bleibt dies, bis er 1981 aus gesundheitlichen Gründen aufhören muss.

quot;Feierabend!" - Ausstieg aus dem Schacht
Von über Tage geht der Ruf in den Schacht: "Feierabend!" - Ausstieg aus dem Schacht aus 50 m Tiefe.
aus: Westfalenspiegel 5/1955 S. 49


Auch für den Kaufmann Karl Ernst Schneider (1919-1993) ist der Besitz einer Kleinzeche eine lukrative Episode im Lebenslauf. Er betreibt eine Näherei im Münsterland. Ehemalige Offizierskameraden bringen ihn auf eine Idee: Mit Kleinzechen kannst du im Ruhrgebiet eine Menge Geld verdienen. Ohne Bergbaukenntnisse macht er sich 1952 auf den Weg und wird an der Stadtgrenzgebiet zwischen Dortmund und Witten fündig. Er übernimmt eine bestehende Kleinzeche und baut sie aus. 1956 ist das Abenteuer abrupt zu Ende: Nachts, als glücklicherweise keine Bergleute unter Tage waren, gibt es einen Wassereinbruch: Der Schacht, die Kleinzeche, säuft ab. Schneider geht zurück ins Münsterland versucht es in einer Kaffeerösterei und findet schließlich eine dauerhafte leitende Anstellung bei einer Großhandelskette.

Kommen wir zurück zu Kurt Dörnemann. Er vermittelt uns die damalige Zukunftserwartung: Eine Kohlenförderung der Kleinzechen sei dauerhaft aussichtsreich. Man schätze, "dass nahezu sechzig Betriebe eine besonders kräftige Lebensdauer haben werden, da sie auf guter Kohle stehen und in Feldern abbauen, die auch in 30 bis 40 Jahren noch nicht erschöpft sind." Für die Kohlenförderung hat sich diese Erwartung nicht erfüllt. Das neuen Museum in Witten wird in Zukunft jedoch vielen Besuchern ermöglichen am Dreibaum der Kleinzeche Ingeborg II interessante Geschichten zu Tage zu fördern.


Kleinzechen im südlichen Ruhrgebiet nach 1945

In Witten wird eine neue Kleinzeche errichtet


aus: industrie-kultur 1/1999 S. 37

Das Westfälische Industriemuseum wird am Museumsstandort Zeche Nachtigall die Industriekultur der Kleinzechen präsentieren: Besondere Herausforderungen sind dabei der temporäre Charakter und die Typenvielfalt der Betriebe.

In der großen Kohlennot der direkten Nachkriegszeit 1945/46 besannen sich die Menschen im südlichen Ruhrgebiet auf die zum Teil bis zu Tage tretenden Kohlenvorräte. In zahlreichen Schürfstellen und aus reaktivierten alten Schacht- und Stollenanlagen wurden hauptsächlich Anthrazit- und Eßkohlen gewonnen. Befördert durch die alliierte Quotierung des Großbergbaus und die Energiekrise während des Koreakriegs entwickelte sich aus diesem Kohlenabbau zu Beginn der 1950er Jahre ein umfassender Kleinbergbau. Er erstreckte sich von den südöstlichen Dortmunder Vororten über die Städte Wetter, Witten, Sprockhövel und Hattingen bis in die südlichen Stadtteile Bochums und Essens. 1951/52 erreichte die Kohlenförderung ihren Höhepunkt: Ungefähr 300 Betriebe mit 5800 Beschäftigten brachten annähernd 1,9 Millionen Tonnen zu Tage. Dies entsprach 1,6 Prozent der Gesamtförderung des Ruhrgebiets. Der weitaus größte Teil dieser Anlagen stellte bedingt durch die aufziehende Kohlenkrise zum Ende der 1950er Jahre den Betrieb wieder ein. Abgesichert durch langfristige Lieferverträge existierten einige Zechen dieser Art bis in die 1970er Jahre. Eine der letzten war die Kleinzeche Egbert, deren Fördergerüst noch heute existiert.

Der Abbau entlang der Ruhr war nach der "Nordwanderung" des Bergbaus für die großen Unternehmen ökonomisch nicht mehr attraktiv. Die Betreiber der Kleinzechen planten die Förderung oft nur für wenige Monate, bis die Restkohlenvorräte erschöpft waren. Der Aufwand war für sie lohnend, da sich durch die alliierten Beschränkungen und die Energieknappheit der aufstrebenden Bundesrepublik ein zweiter Kohlenmarkt mit deutlich höheren Preisen etabliert hatte. Neben ortsansässigen Kohlenhändlern, die sich auch im Abbau engagierten, kamen viele "Glücksritter" ins Ruhrgebiet, um "Zechenbesitzer" zu werden: zum Beispiel der Geschäftsführer einer Näherei aus Rheine oder ein Anwalt aus Berlin.

Kleinzeche Egbert, Herbede-Kämpen
(Foto: Westf. Industriemuseum,
Dortmund)

Entsprechend der geplanten kurzen Betriebszeiten der Klein- und Kleinstzechen wurden auch die Förderanlagen nur für wenige Monate errichtet. Dominierende Formen waren: der Abbau im Stollen, der Dreibaum und ein vierstütziges Holzgerüst über einem tonnlägigen oder senkrechten Schacht. Mit Hilfe von Haspeln wurden Fördergefäße rutschend auf einer Holzbank oder mit Rollen auf einer Schiene in den Schacht abgelassen. Die einfachen Fördergefäße wurden zumeist direkt oder über Kippvorrichtungen in Förderwagen oder Lkws entleert. Lkws setzten sich, angesichts der fehlenden und teuren Transportkapazitäten der Eisenbahn, in der weiteren Verteilung dieser Kohle - teilweise bis in die süddeutschen Städte - durch. Der Besitz eines Lkws wurde oft zum Ausgangspunkt der Errichtung eines Betriebes und stellte die Basis für den ökonomischen Erfolg der Kleinzechen dar. Somit spiegeln diese Unternehmungen den in den 1950er Jahren einsetzenden Strukturwandel des Transportwesens wider.

Kleinzeche Ingeborg II, Herbede 1957
(Foto: Westf. Industriemuseum,
Dortmund)

Die auf kurze Betriebszeiten mit einfachen Förderanlagen ausgelegten Kleinzechen hinterließen kaum bauliche Überreste. Somit steht am Museumsstandort Zeche Nachtigall die exemplarische Inszenierung und die Rekonstruktion dieser Anlagen im Mittelpunkt. Neben dem schon vorhan- denen "Besucherstollen" ist ein Dreibaum mit Lkwzufahrt geplant. Überlieferte Planzeichnungen und Bilder der Kleinzeche "Ingeborg" aus dem Jahre 1957 dienen als Vorlage für die Rekonstruktion. In einer Ausstellung werden die politischen und wirtschaftlichen Begleitumstände, die Arbeitsbedingungen der Bergleute sowie die Lebenswege der Kleinzechenunternehmer dargestellt werden. Darüber hinaus erschließen museumspädagogische Angebote die Geschichte der Kleinzechen für verschiedene Besuchergruppen.

Zu diesem Zweck wurden bereits Zeitzeugen befragt sowie Dokumente und Fotos aus privaten und öffentlichen Archiven ausgewertet. Vor allem die private Überlieferung ist eine wichtige Quelle für die Geschichte der Kleinzechen. Wer mit seinen Erinnerungen, Fotos und Hinweisen weiterhelfen möchte, wende sich bitte an:

Frau Ingrid Telsemeyer, Westfälische Industriemusem, Zeche Zollern II/IV, Grubenweg 5, 44388 Dortmund, Tel.: 0231 69 61 134.

Matthias Dudde und Stefan Nies

erschienen in der Zeitschrift: industrie-kultur. Denkmalpflege, Landschaft, Sozial-, Umwelt- und Technikgeschichte, 1/1999 S. 37.   [ www.industrie-kultur.de ]