Wittener Biografien - Presse

Vater der Kammermusiktage

Robert Ruthenfranz begann schon 1936 mit dem Projekt

aus: WAZ Lokalausgabe Witten vom 29. 12. 2000

Dank seines unermüdlichen Engagements steht heute der Name seiner Heimatstadt in einer Reihe der wichtigsten Festivals neuer Musik gleichberechtigt neben Donaueschingen und Darmstadt. Jede Mark, die Robert Ruthenfranz (1905-1970) erübrigen konnte, investierte er in die Wittener Kammermusiktage, heute als Wittener Tage für neue Kammermusik ein Begriff für die Freunde neuer Musik. Ruthenfranz prägte 40 Jahre Musikleben in Witten entscheidend.

Als Sohn eines Wittener Schreinermeisters entdeckte der junge Ruthenfranz seine Liebe zur Musik. Nach seinem Abitur am Jungen-Gymnasium ließ er sich zum Klavierbauer ausbilden und studierte Musik am Konservatorium in Dortmund. Aber auch in Berlin, an der Hochschule für Musik, studierte er. Hier beeinflusste ihn der Komponist Paul Hindemith nachhaltig. Auf verschiedenen Wegen versuchte Ruthenfranz, sich eine berufliche Existenz aufzubauen. So trat er gemeinsam mit seiner späteren Frau Hertha Brenscheidt auch im Ausland als Klavierduo auf, komponierte, arbeitete in Hagen als Kapellmeister, gründete in Witten einen Chor und betrieb eine Musikschule.

Doch einen bleibenden Eindruck hinterließ Ruthenfranz mit einem lebenslangen Projekt, das er 1936 begann. Mit den Wittener Kammermusiktagen wollte er der musikalischen Heldenverehrung und kulturellen Rückwärtsgewandheit der Nationalsozialisten etwas entgegensetzen. Doch dieser ambitionierte Plan ließ sich nur im Ansatz verwirklichen, denn die Musiktage wurden ganz und gar von der Nazi-Ideologie vereinnahmt. Nicht zuletzt war der Wittener Oberbürgermeister Erich Zintgraff einer der aktivsten Förderer.

Erst nach 1945 konnte sich Ruthenfranz von solchen Vereinnahmungen befreien. Ihm gegenüber hielten sich die Kommunalpolitiker zurück, erst sehr spät, in den 60er Jahren, steuerte die Stadt einen geringen Geldbetrag bei. Wegen finanzieller Probleme und fehlender internationaler Verbindungen gelang es Ruthenfranz nicht, seine Musiktage zu einem international anerkannten Festival mit weitreichender künstlerischer Strahlkraft auszugestalten.

Doch trotz aller Schwierigkeiten und aller Anfeindungen und Missverständnisse in der Wittener Öffentlichkeit - so wurden Gymnasiasten von ihrem Musiklehrer aufgefordert, Eier und faules Obst auf die Festivalteilnehmer zu werfen - gab Ruthenfranz nicht auf. 1969 übernahm der WDR die Finanzierung und bald auch die Organisation des Musikfestivals, erst jetzt erfüllte sich der alte Traum des Robert Ruthenfranz, konnte künstlerisches Neuland entdeckt und betreten werden. Ihm selbst blieb diese Erfahrung nicht lange vergönnt, er starb 1970.

Über Robert Ruthenfranz schreibt der Musikwissenschaftler und Kulturjournalist Markus Bruderreck in Wittener. Biografische Porträts, ruhrstadt-verlag 2000, Hg. Ahland/Dudde. Kurzfassung: Frank Ahland.

Quelle: Westdeutsche Allgemeine Zeitung Essen

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