Wittener Biografien - Presse
Eine zweite Rosa Luxemburg
Rosi Wolfstein war Mitbegründerin der Kommunistischen Partei
aus: WAZ Lokalausgabe Witten vom 2. 12. 2000
Grenzen zu überspringen gehörte für Rosi Wolfstein (1888 bis 1987) zu den Grunderfahrungen ihres Lebens, und das in vielerlei Hinsicht. Die Tochter aus einem gutbürgerlichen jüdischen Elternhaus musste schon in jungen Jahren umdenken, nachdem ihr Vater sich nach seinem finanziellen Bankrott das Leben genommen hatte.
Fortan konnte sie sich nicht mehr darauf verlassen, als höhere Tochter auf den Hafen der Ehe zuzusteuern sie war schlicht keine gute Partie mehr. Also erlernte sie einen Beruf und wurde Kontoristin. Hier machte sie auch Bekanntschaft mit den sozialen Zuständen ihrer Zeit. Politisch orientierte sie sich nun an der Sozialdemokratie, wandte sich aber wie ihr großes Vorbild Rosa Luxemburg von ihr ab und beteiligte sich in Berlin an der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands.
Doch als sich die KPD zunehmend in den Dienst der sowjetischen Politik zu stellen begann, ging Wolfstein auf Distanz. 1929 wurde sie aus der KPD ausgeschlossen und gelangte schließlich in die kleine Sozialistische Arbeiterpartei, der auch der junge Willy Brandt angehörte. 1933 verließ Wolfstein ihre Heimat und ging ins Exil. 1941 konnte sie beinahe in letzter Minute aus Südfrankreich fliehen und gelangte nach New York. Ihre beiden Schwestern wurden wegen ihres jüdischen Glaubens ermordet.
Dennoch kehrten Rosi Wolfstein und ihr langjähriger Lebensgefährte Paul Frölich, den sie inzwischen geheiratet hatte, nach Deutschland zurück. Inzwischen über sechzig Jahre alt, beteiligten sie sich nicht mehr am Aufbau einer neuen linken Partei, sondern kehrten in den Schoß der alten Tante SPD zurück. Wolfstein gab nach dem Tod ihres Mannes 1953 dessen Schriften heraus. Fast einhundert Jahre alt starb sie am 27. Mai 1987 in Frankfurt am Main. Willy Brandt würdigte sie als ein wichtiges Stück Tradition der Arbeiterbewegung, und der ehemalige hessische Ministerpräsident Holger Börner fügte hinzu, sie sei stets mit Herz und Hand für die gerechte Sache eingetreten.
Die WAZ/WR veröffentlicht Kurzporträts zur Sammlung Wittener. Biografische Porträts, ruhrstadt-verlag, Witten 2000, Hg. Frank Ahland, Matthias Dudde. Über Rosi Wolfstein schreibt darin Kommunismus-Forscher Prof. Hermann Weber. Kurzfassung: Frank Ahland.

